Bevor der Beitrag beginnt: Dieser Post stammt aus der Feder von Jonas Jatsch – mehr über ihn unterhalb des Artikels in der Autoren-Box. Ich freue mich sehr, dass Jonas hier (hoffentlich öfter) bloggen wird, denn sein Schreibstil passt einwandfrei zum Ton dieser Seiten und: die Texte stammen direkt aus Sicht eines Personalers, der sich darüber hinaus mit modernster HR Technologie auskennt.

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Die ganze Welt der HR Technologie auf engem Raum in einem riesigen Konferenzzentrum am Rande von Amsterdam. Das ist die HR Tech Europe, die nicht mehr ganz so kleine Schwesterveranstaltung der HR Tech Conference, die jährlich in den USA stattfindet. Mit etwa 2.000 Teilnehmern, bis zu 12 parallelen Konferenzstreams und einem Haufen Ausstellern eine spannende Mischung aus Konferenz und Messe. Nachdem ich bereits letztes Jahr erstmals dort war, ist auch das diesjährige Event eine Pflichtveranstaltung für mich gewesen.

Sessions:

Die HR Tech Europe bietet immer ein gut gefülltes Programm mit Speakern in fast schon überfordernder Menge. Man könnte den ganzen Tag von Stream zu Stream wechseln und gelegentlich mal ins Plenum gehen, das leider nicht immer gut gefüllt ist. Durch die große Auswahl an parallel laufenden Sessions verpasst man natürlich zwangsläufig einiges, aber ich habe mir ein paar interessante Sessions herausgepickt. Verbesserungsbedarf besteht allenfalls bei der HR Tech Europe App. Da in der Agenda keine Räume angezeigt wurden, war man dann doch für die Raumsuche auf das 130 Seiten starke Programmheft angewiesen.

Also, los geht’s. Registrierung erledigt, Kaffee geschnappt, die ersten bekannten Gesichter begrüsst und rein ins Plenum.

Yves Morieux, Managing Director bei BCG, macht mit seiner Opening Keynote am Donnerstag den Auftakt. Wie bei Keynotes üblich, geht es beim Thema “Bringing Management Back To Work by Reinventing Technology & HR” nicht sehr in die Tiefe. Mit einem Rundumschlag über Performance von Teams und Organisationen abseits vom reinen KPI-Denken und die komplexe Dynamik, die HR als Funktion, nicht als Abteilung, verstehen und steuern muss, aber genau das Richtige um wach zu werden.

Unterhaltsam wird es anschliessend im Plenum mit David McCandless und seinem Thema “Information Is Beautiful”. Beeindruckend, wie man mit der Darstellung von Daten spielen und neue Zusammenhänge herstellen kann. Da ist das Standard HR-Reporting mit seinen Torten und Säulen weit entfernt! Inspirierend!

Weiter geht es für mich im Stream Social Enterprise. Hier erwische ich noch die letzte Hälfte vom Vortrag von Prithvi Shergill von HCL Technologies, der die intern entwickelte Plattform MEME vorstellt, mit der bei HCL kollaboriert wird. Spannender als die Plattform, mehr oder weniger ein Social Intranet, ist die Geschichte dahinter. Das Tool wurde als Idee von der Geschäftsleitung abgelehnt, trotzdem als “Freizeitprojekt” entwickelt und erfolgreich eingeführt. Botschaft: Im Zweifel einfach mal machen, wovon man überzeugt ist und dann mit einem guten Produkt überzeugen 😉

Direkt im Anschluss dann das Unternehmen, von dem man eigentlich nichts anderes als Best Practice erwarten kann. Thomas Davies von Google präsentiert sehr lebhaft wie Collaboration bei Google mit Hilfe der eigenen Google Tools gelebt wird. Spannend und sehr dynamisch!

Nach dem Lunch der vielleicht spannendste Teil der Konferenz, die bei der HR Tech obligatorische Talking Heads Session mit den Chefstrategen von Oracle HCM (Gretchen Alarcon), SAP SuccessFactors (Thomas Otter) und Workday (Amy Wilson). Dazu mit Josh Bersin, Phil Wainwright und Holger Mueller einige der wichtigsten Analysten im HR Tech-Umfeld. Mittendrin Jason Averbrook als Moderator, der zielsicher und stellenweise auch provokant das Panel leitet und es weitestgehend schafft, eine Diskussion ohne Marketingsprech der drei grossen Systemanbieter zu initiieren.

amsterdam-bike-kaese-selfieBesonders im Kopf geblieben sind mir die Fragestellungen “Kann man als grosser Anbieter allen Marktbedürfnissen und Innovationen gerecht werden oder sollte man besser eine gute Basis bieten und den StartUps die Türen zum System öffnen?” Die Meinungen gehen da durchaus auseinander. Auch die Fragestellung “Überholen die Cloudanbieter ihre eigenen Kunden?” wird teilweise kontrovers diskutiert. Nüchterne Empfehlung der Analysten: Veränderung bei Systemen und Prozessen sollte immer im Rahmen der Agilität der eigenen Organisation geschehen, nicht nach dem Angebot der Systemanbieter.

Ergänzend dazu hätten die zehn Thesen von William Tincup gepasst, die er am nächsten Tag auf der disrupt-HR Bühne den Software-Anbietern mit auf den Weg gibt. Leider war das offensichtlich der falsche Ort. Aber ich bin sicher, er wird Ratschläge wie “Certify your clients” oder das Anbieten von “Insights as a Service” schon an die richtigen Adressaten weitergeben.

Mit Spannung erwartet: Glassdoor-CEO Robert Hohman auf europäischer Bühne. Das Auditorium ist aber sichtlich geleert. Im Endeffekt sollte das Konzept ja zumindest in DACH nichts Neues sein, bei kununu erzählt man schliesslich seit Jahren nichts Anderes. Mit einer richtigen Europastrategie (von der erste zaghafte Ansätze zu sehen sind) hat Glassdoor aber das Potential, nicht nur in UK sondern auch in Kontinentaleuropa Fuß zu fassen.

Leider enttäuschend dann “The Great Power Shift” mit Jerome Ternynck und Elaine Orler. Das Thema “Vom Arbeitgeber- zum Bewerbermarkt” ist ja eher ein alter Hut, leider ist der Vortrag, bei dem sich beide die Bälle zuwerfen, zu wenig aufeinander abgestimmt und spannende neue Erkenntnisse habe ich auch keine gewonnen. Liegt aber vielleicht auch an der Uhrzeit.

Tag 2 findet für mich vor allem an den Messeständen statt, wo ich spannende Gespräche oder Produktdemos bei Oracle, Workday, SuccessFactors, Cornerstone, Applearn, Avature, Textkernel, Haufe umantis, Talmundo und einigen mehr habe. Zwischendurch ergibt sich immer mal wieder die Gelegenheit, mit alten und neuen Bekannten zu sprechen. Die Bandbreite an vertretenen Anbietern ist riesig und sicher ist nicht alles gleich spannend, es lohnt sich aber mal am ein oder anderen Stand spontan vorbeizuschauen. Es tut sich viel am Markt und die Gespräche an den Ständen sind wertvoll, auch ohne aktuell konkrete Kaufambitionen.

Trotzdem ist zwischendurch noch Zeit für zwei Sessions. Besonders interessant: Nico Orie von Philips zum Thema User Adoption und Change Communication im Rahmen der Einführung eines neuen HR Systems (Workday) in 77 Ländern. Gerade das Thema Kommunikation wird leicht unterschätzt, und es steckt ein Haufen Arbeit dahinter, was in diesem Vortrag deutlich wurde. Sicher vorteilhaft ist der Fakt, dass bereits vorher die weltweiten HR-Prozesse standardisiert werden konnten. Mit überraschend wenigen lokalen Ausnahmen.

Provokativ der Titel des Vortrags von Nick Holley von der Henley Business School: “Traditional Talent Management Is Dead“. Ein unterhaltsamer Rundumschlag über Sinn und Unsinn von Nachfolgeplänen, die Förderung von Fachkräften anstelle der Ausrichtung auf Führungskarrieren und über die Rolle von HR im Unternehmenskontext. “Konstanter Initiativismus statt echtem Change ist die Krankheit, an der HR leidet.” – Da ist leider oft was Wahres dran…

Fazit:

HR Tech World Congress in Paris 2015? Geht klar!! Trotz massivem Sponsoring hat man hier den besten und objektivsten Überblick, was aktuell im HR Tech Umfeld passiert. Auch von den Speakern her ist die Veranstaltung extrem gut besetzt, und die Themen sollten für jeden HR-Verantwortlichen, auch abseits der Techies, interessant sein.

Bilder:
Featured: “feuille rouge” – (c) Fabienne André
overlooking amsterdam (panorama)” – (c) Arden – License CC BY-SA 2.0