Nach dem Bericht zur #RMSConf – der Pariser Konferenz zum Social Media und mobile Recruiting – folgt nun die Rückschau auf die derzeit weltweit teilnehmerstärkste HR-Un-Konferenz der Bill Boorman #TRU-Reihe, #TruParis!

Mit mehr als 200 aktiven Teilnehmern (und aktiv waren wir Teilnehmer wirklich!), so ließ einer der Organisatoren, Laurent Brouat, gleich zu Anfang verlauten, wäre “Paris est le plus grand tr(o)u du monde entier”! Gelächter schallte im Saal des CNAM, des Conservatoire National des Arts et des Métiers – eine nationale Weiter- und Ausbildungsstätte, denn das Wortspiel war perfekt: “trou” ist französisch für “Loch” und Paris wäre demnach das größte Loch weltweit – allerdings war natürlich das Event “TRU” – The Recruiting Unconference – gemeint.

Die Un-Konferenzen oder Barcamps zielen allgemein darauf ab, dass es keine Präsentationen und Vortragsredner gibt. Der Austausch zwischen den Teilnehmern steht im Vordergrund. Es werden verschiedene Themen-Schwerpunkte angegeben, die als “Tracks” gelten. Diese Tracks werden von den Track-Leadern koordiniert, die Diskussion wird angeregt und, wenn nötig, moderiert. In Paris fanden jeweils 4 Tracks parallel statt, wobei immer einer davon wie eine Panel-Diskussion als Live-Streaming ins Web gestellt wurde.

Wer einen Rückblick und Fotostrecke auf französisch lesen möchte oder sich über den Unterschied zwischen verschiedenen internationalen HR-Konferenzen informieren möchte, hier klicken.

Besonders heiß wurde in den Sessions diskutiert, die sich mit der (mobilen) Candidate Experience beschäftigten. Einerseits die großen Unternehmen, die bereits so viele (initiative) Bewerbungen zu bewältigen haben, dass sie die allmählich in Mode kommenden mobilen One-Click-Apply Buttons eigentlich gar nicht anbieten möchten und andererseits die Meinung der “Geeks”, dass es jedem Bewerber möglich gemacht werden muss, sich problemlos und ohne viel Aufwand mobil zu bewerben. Wenn ich mir dann die Lösung der Allianz angucke, die jetzt ganz frisch kommuniziert wird, erscheint der Mittelweg die beste Lösung: Die Allianz bietet die super-simple mobile Bewerbung für bestimmte, schwer zu besetzende Jobs an. Runde Sache!

#truparis-live-streamingIch nahm an einem der Live-Streaming Panels teil, in dem wir als international gemischte Gruppe (ich als Deutsche, ein Kanadier, drei Franzosen, eine Amerikanerin und ein Holländer) auf englisch über “Candidate Experience” diskutierten. Es ist ja in Frankreich leider wirklich so, dass die meisten Bewerber wie reine Bittsteller behandelt werden. Man sagt vielen deutschen Unternehmen zwar auch nach, dass sie keine guten Prozesse hätten, aber das ist nichts im Vergleich zu dem, was französische Bewerber hier erleben (ist mir übrigens auch schon so ergangen): Schickt man Bewerbungsunterlagen per Post, wird man diese im Regelfall nie wieder sehen. Zum Glück muss man in Frankreich jedoch keine aufwendige Bewerbungsmappe versenden. In den meisten Fällen gibt es KEINE Rückmeldung irgendeiner Art, außer man wird für die Stelle tatsächlich in Betracht gezogen.

Bei Online Bewerbungen bekommt man, wenn das Unternehmen ansatzweise organisiert ist, eventuell eine Eingangsbestätigung per E-Mail, in der man mehr oder minder freundlich darauf hingewiesen wird, dass man die Hoffnung auf eine positive Antwort aufgeben darf, sollte man innerhalb der nächsten 14 Tage keine Rückmeldung erhalten haben. Und das zählt dann schon zu richtig gutem Bewerbermanagement…

Viele französische Firmen müssen sich besonders stark mit dem Onboarding-Prozess auseinandersetzen, vor allem, weil es hier Kündigungszeiten gibt, die bis zu drei Monate betragen. Darüber hinaus bin ich der Meinung, dass die meisten Bewerbermanagementsysteme überhaupt nicht im Sinne des Kandidaten entwickelt worden sind; allerdings selten auch wirklich im Sinne des Recruiters, der das Tool nutzt, aber nicht über dessen Kauf und Implementierung entscheidet!

Letzten Endes, so meinte – wenn ich mich nicht irre, sonst gucken Sie einfach das Video dazu an – Aurélien Boutaudou, Kommunikationsmanager beim französischen Business Netzwerk Viadeo, dass Bewerber und Unternehmen aktiv aufeinander zugehen müssten – über alle Grenzen und technischen Barrieren hinweg.

In einem weiteren Track, den ich sehr spannend fand, sprachen wir über Recruitment und Blogging. Wir erfuhren, dass zum Beispiel die auf digitale Kommunikationsberufe spezialisierte Personalberatung elaee ihren Blog dazu einzetzen, sowohl Kandidaten als auch Neukunden zu rekrutieren! Vertrieb wird in dieser Personalberatung gar nicht gemacht, es wird ausschließlich gebloggt, und das ist Pflicht! Mindestens einmal am Tag für jeden der Consultants. Die Geschäftsführerin machte auch deutlich, dass Bewerber, die sich bei ihr meldeten, nur dann in Frage kämen, wenn sie auch selbst einen Blog betrieben. Ohne Online-Eigenmarke geht nichts.

Ein Blog auf Arbeitgeberseite ist selbstverständlich ein gutes Mittel zur HR-Kommunikation, wobei die Inhalte wichtig sind. Die eigenen Mitarbeiter über ihr Arbeitsgebiet bloggen zu lassen ist gut. Einer der Diskussionsteilnehmer berichtete von dem Blogbeitrag eines gewerblichen Angestellten, der voller Rechtschreibfehler war – dieser wurde ungeschönt und unkorrigiert gepostet und hatte im Netz einen Riesenerfolg. Sprich: Man soll die Arbeitnehmer ohne Maulkorb posten lassen, nicht nur Corporate-Inhalte verbreiten. Die Kommunikation auf einem unternehmenseigenen Karriere-, und HR-Blog muss anders sein, der Stil sollte sich vom üblichen Verwaltungsstil abheben, einen Tick “verschoben” sein.

Alles in allem waren die Gespräche und der Austausch bei dieser, meiner ersten, Un-Konferenz sehr reich an Informationen. Am besten sind die Erfahrungen der Einzelnen, die Ideen, Einwände, Kritik und das generelle Riesen-Brainstorming, um die Personalarbeit erfolgreicher zu gestalten. Wie auch eine lokale Personalberatung aus der Bretagne, die ihren Twitter-Kanal als “Kandidaten-Hotline” einsetzt, über die Bewerber informiert werden oder sich erkundigen können, wie der Stand der Dinge bezüglich ihrer Bewerbung ist.

In diesem Sinne: wir sehen uns bei einer der nächsten (Un-) Konferenz! #tru oder #untru?