Und täglich grüßt der Lebenslauf…
Das Schöne an meinen Kunden ist, dass sie mich zum Einen auf neue Angebote, Dienstleister und sonstige Kuriositäten aufmerksam machen und zum Anderen dabei gleichzeitig um Rat fragen, was sie denn von dem Ganzen halten sollen. Das freut mich, und ich mache mich ans Werk, um ein paar Informationen zu recherchieren.
Gestern zum Beispiel berichtete mir eine Kundin, für die wir kürzlich eine Anzeige auf Jobbörsen in Frankreich geschaltet hatten, dass sie einige Lebensläufe von einem Anbieter namens JobMultipass erhalten hätte und was es denn damit auf sich hätte.

Dieser Dienstleister, der sich den Bewerbern als “Maschine, die Ihre Lebensläufe versendet… zielen Sie genau” präsentiert, richtet sich in erster Linie an zahlungswillige und meiner Meinung nach etwas schreibfaule Bewerber. Diese füllen die Angaben für ihr online CV aus, erstellen ein generisches Anschreiben, suchen sich eine anvisierte Unternehmensgruppe aus (Auswahl nach Branche, Beruf, Region, Land, geforderten Sprachkenntnissen oder an Personalberater), bezahlen je nach gewählter Zielgruppe ihren Betrag und warten darauf, dass sich die Recruiter mit ihnen in Verbindung setzen. Und, ach ja, nachdem bezahlt wurde, wird dann überprüft, ob die Bewerbung auch den Anforderungen des Anbieters entspricht…

Für Unternehmen ist der Service kostenfrei. Diese können ihre Daten eintragen und erhalten jeden Tag um 8h00 morgens eine Mail mit den für ihre Stellenangebote “passenden” Lebensläufen.

Ich hab da ja so meine Zweifel an dem ganzen System. Mein Kunde hatte sich beispielsweise gar nicht in diese Datenbank eingetragen und erhielt trotzdem Kandidatenvorschläge per E-Mail. Eine Frage, die Sie – falls Sie dieses System interessiert – auf jeden Fall den Jobmultipass Leuten stellen sollten, ist, wie aktuell die Lebensläufe sind, die da tagtäglich an alle möglichen Firmen versendet werden. Sonst rufen Sie eventuell einen Bewerber an, der es seit Jahren versäumt hat, sein CV zu deaktivieren, als er einen neuen Job gefunden hatte. Und schließlich denke ich, dass eine Bewerbung mit einem einmalig erstellten Begleitschreiben ziemlich öde rüberkommt. Ein persönliches und personalisiertes Anschreiben ist halt doch für jeden Personaler schmeichelhafter als einen Autotext von einer “Lebenslauf-Schleuder-Maschine” zu bekommen (auch wenn die Motivationsschreiben von vielen Recruitern tatsächlich kaum gelesen werden…)

Dennoch halte ich das System für einen ziemlichen Unfug und für Unternehmen uninteressant. Personalberatungen und Headhuntern kann es eventuell dienlich sein, um das Kandidaten Portfolio aufzubessern. Aber generell sind in Frankreich die Bewerbungseingänge auf Stellenangebote in Jobbörsen ziemlich hoch, sodass weiterer CV-SPAM einfach keinen Sinn macht.

JobMultipass.com wird übrigens vom in Clermont Ferrand ansässigen Jobcast betrieben, die ebenfalls das internationale Fach- und Führungskräfte Job Board cadrexport.com auf den Weg gebracht haben. Dieser Stellenmarkt soll die französische Nummer 1 unter den internationalen Jobbörsen sein, was ich nicht bestätigen kann. Die knapp 5.400 aktuellen Anzeigen werden wohl durch den Partner cadresonline eingespeist, der Anfang 2008 ja von Adenclassifieds (und damit dem Marktführer cadremploi.fr) aufgekauft worden war. Möglicherweise werden ja auch dank dieser verschlungen und komplizierten Kooperationen, Zugehörigkeiten usw. die E-Mail Adressen von Unternehmen an JobMultipass weitergegeben, damit Letztere die Firmen mit ihren tollen CVs zuspammen können.

Damit schließt sich der Kreis, und es bleibt alles beim Alten – Online-Recruiting in Frankreich ist eben keine leichte Sache.