Fünf Stellenanzeigen als Spielkarten auf einem Kartentisch, nur eine liegt offen und zeigt eine Gehaltsspanne

Gehaltsangaben in Stellenanzeigen: Die Quote steigt, aber die Zahl an sich sinkt

24,3 Prozent der Positionen im deutschen Stellenmarkt nennen im 2. Quartal 2026 ein Gehalt. Ein Jahr zuvor waren es 23,0 Prozent, im Jahr davor 22,1. Das klingt nach einem leichten Aufwärtstrend, und so stand es auch in der öffentlichen index-Mitteilung vom Juni.

index Research hat das 2. Quartal für Online-Recruiting.net gesondert ausgewertet, inklusive der absoluten Zahlen. Die öffentliche Mitteilung nennt 23 Prozent für das 1. Quartal, die Personalwirtschaft im Juli 24,1 Prozent für das erste Halbjahr. In keiner dieser Zahlen steht, um wie viele Stellen es überhaupt geht.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Worum es geht: Exklusivauswertung von index Research für Online-Recruiting.net zu Gehaltsangaben in deutschen Stellenanzeigen.
  • Stand: Q2/2026 im Vergleich mit Q2/2025 und Q2/2024, Auswertung vom 17.08.2026.
  • Kernzahl: 24,3 Prozent der Positionen nennen ein Gehalt, 794.744 von 3.275.618 (index Research, Q2/2026).
  • Der Haken: Es nennen heute weniger Stellen ein Gehalt als 2024, rund 795.000 statt 837.000. Der Anteil steigt trotzdem, weil der Stellenmarkt insgesamt noch stärker geschrumpft ist, von 3,78 auf 3,28 Millionen Positionen.
  • Warum es zählt: Wer mit der Quote argumentiert, sollte wissen, dass sie auch dann steigt, wenn weniger Stellen ein Gehalt nennen.

Ein Missverständnis begegnet einem dabei ständig. Wer nach Gehaltsangaben in Stellenanzeigen sucht, findet Seite um Seite die Aussage, ab 2026 müsse in jeder Anzeige ein Gehalt stehen. Das ist schlicht falsch und steht nirgends so in der Richtlinie.

Verlangt wird, dass Bewerberinnen und Bewerber das Einstiegsgehalt oder die Spanne vor dem ersten Gespräch erfahren. Ob das in der Anzeige passiert oder auf anderem Weg, entscheidet der Arbeitgeber. In Deutschland greift selbst diese Auskunftspflicht erst mit dem Umsetzungsgesetz, und davon liegt bis heute nicht einmal ein Referentenentwurf vor. Was die Richtlinie tatsächlich fordert, steht hier unter Was die Richtlinie konkret verlangt.

Der Haken steckt im Nenner

Die 24,3 Prozent sind ein Anteil, und ein Anteil besteht immer aus zwei Zahlen: den Stellen mit Gehaltsangabe und allen ausgeschriebenen Stellen zusammen.

Im 2. Quartal 2026 nannten rund 795.000 von 3,28 Millionen Positionen ein Gehalt. Zwei Jahre vorher waren es rund 837.000 von 3,78 Millionen. Es sind heute also etwa 40.000 Stellen mit Gehalt weniger als 2024. Der Stellenmarkt insgesamt hat im selben Zeitraum aber rund 500.000 Positionen verloren.

Beide Zahlen sind gefallen, die große stärker als die kleine. Genau dann steigt der Anteil, auch wenn kein Arbeitgeber etwas anders macht. Das ist reine Prozentrechnung.

Wer heute eine Stelle sucht, findet in absoluten Zahlen weniger Anzeigen mit Gehalt als vor zwei Jahren. Von der gestiegenen Quote merkt dabei niemand etwas.

Transport und Logistik vorn, Führungskräfte hinten

Spannender als der Durchschnitt ist, wo das Gehalt steht. Am häufigsten nennen es Transport und Logistik (36,2 Prozent), Bau und Handwerk (31,4), Gesundheit (27,8) und das Gastgewerbe (27,2). Nach Hierarchie sind es die ungelernten (36,9) und die gewerblichen Fachkräfte (33,9), also das untere Lohnsegment.

Am lautesten schweigt die gut bezahlte Seite: Unternehmensführung 14,5 Prozent, Forschung 15,4, IT 15,8, Bereichsleiter 11,9.

Meine Lesart: ein Werkzeug der Personalnot

Die Gehaltsangabe ist in Deutschland bisher vor allem ein Werkzeug der Personalnot. Wo Arbeitgeber um jede Bewerbung ringen und wenig zu verbergen haben, steht die Zahl in der Anzeige. Wo am besten bezahlt und am meisten verhandelt wird, bleibt sie weg. In den Mangelberufen Pflege und Gastronomie, wo weiter fast drei Viertel der Stellen schweigen, wäre die Angabe womöglich schon ein Signal für Attraktivität. Belegen ließe sich das erst mit einer Kreuzung aus Gehaltshöhe und Nennung. Das steht noch aus.

Ein Detail, das man leicht übersieht: Ganz oben tut sich etwas. Bei Vorständen und Geschäftsführern stieg der Anteil von 8,1 über 9,6 auf 13,8 Prozent, bei Bereichsleitern von 5,5 auf 11,9. Hier ist es kein Rechen-Effekt. Die Zahl der ausgeschriebenen Vorstandsposten liegt mit rund 12.000 fast genau auf dem Wert von 2024, die Zahl der Anzeigen mit Gehalt ist von 1.003 auf 1.659 gestiegen. Bei den Bereichsleitern wurden sogar mehr Stellen ausgeschrieben als vor zwei Jahren, und der Anteil hat sich trotzdem mehr als verdoppelt.

Der Rückgang in absoluten Zahlen kommt dagegen fast vollständig aus einem einzigen Segment. Bei den gewerblichen Fachkräften sind die Positionen mit Gehaltsangabe von 352.623 auf 308.852 gefallen, knapp 44.000 weniger. Über alle Hierarchiestufen zusammen beträgt der Rückgang rund 42.000. Der Markt verliert also dort, wo am offensten über Geld geschrieben wird, während die Ebene darüber anfängt, Zahlen zu nennen.

Regional bis zu 10 Prozentpunkte Unterschied

Regional reicht die Spanne von rund 18 bis 28 Prozent, fast 10 Prozentpunkte. Oben liegen Nordrhein-Westfalen, der Osten und Berlin, unten der wirtschaftsstarke Süden mit Bayern und Baden-Württemberg. Die Annahme, regional gebe es kaum Unterschiede, hält also nicht.

Vier Quellen, vier Zahlen

Wer wissen will, wie viele Stellenanzeigen ein Gehalt nennen, bekommt je nach Anbieter eine andere Antwort.

QuelleAnteilZeitraumWas gezählt wird
index Research (für OR.net)24,3 %Q2/2026Gesamtmarkt, Betrag oder Spanne, ohne Tarifverweise
index Research (via Personalwirtschaft)24,1 %H1/2026gleiche Zählweise, Halbjahr statt Quartal
Indeed Hiring Lab12 %2026nur Anzeigen auf der eigenen Plattform
Aspen Tech Labs7,2 %2026marktweiter Parser, streng validiert
stellenanzeigen.de16 %Aug. 2026eigene Plattform, Angabe des Portals

Zwischen 7,2 und 24,3 liegt der Faktor drei. Für dasselbe Land, im selben Jahr.

Den größten Teil des Unterschieds macht die Grundgesamtheit. Indeed misst die eigenen Anzeigen, stellenanzeigen.de ebenso. index und Aspen schauen auf den Gesamtmarkt und kommen trotzdem weit auseinander, weil die Definition eine andere ist: index zählt eine Spanne mit, Aspen verlangt einen eindeutig geparsten Betrag. Dazu kommt, wie streng ein Algorithmus prüft, ob da wirklich eine Angabe steht und nicht nur eine Formel wie „attraktive Vergütung nach Vereinbarung“.

Praktisch heißt das: Jede Seite in dieser Debatte findet die Zahl, die zu ihrer Aussage passt. Wer eine gesetzliche Pflicht fordert, greift zu den 7 Prozent. Wer sagt, der Markt bewege sich schon von allein, nimmt die 24. Beide zitieren korrekt. Welche Zählweise hinter welcher Zahl steckt, steht auf der Themenseite zur EU-Entgelttransparenzrichtlinie.

Wie index zählt

index zählt streng. Als Gehaltsangabe gilt nur ein konkreter Betrag oder eine Spanne, ein Verweis auf TVöD oder eine Entgeltgruppe zählt nicht mit. Basis sind 197 Printmedien, 304 Onlinebörsen, das Stellenportal der Bundesagentur für Arbeit und rund 900.000 Firmenwebsites. Wie andere Quellen auf ganz andere Werte kommen und was die EU-Richtlinie vorschreibt, steht auf der Themenseite EU-Entgelttransparenzrichtlinie und Gehaltsangaben in Stellenanzeigen.

Anteil der Stellenangebote mit Gehaltsangabe nach Berufsgruppen, Q2 2026
Anteil der Positionen mit Gehaltsangabe nach Berufsgruppen, Q2/2026. Quelle: index Research, Exklusivauswertung für Online-Recruiting.net.

Worauf ich warte

Bleibt die Frage, die die Daten offenlassen: Reden die Arbeitgeber übers Gehalt, weil sie wollen, oder weil sie müssen? Die Antwort entscheidet, ob die 24 Prozent in einem Jahr näher an 30 liegen oder wieder bei 23.

Die Zahlen zeigen, wer ein Gehalt nennt. Was es bringt, zeigen sie nicht.

Worauf ich warte, ist eine große Generalistenbörse mit Anzeigen über alle Branchen, die ihre eigenen Zahlen dazu offenlegt: vergleichbare Jobs, vergleichbare Regionen, einmal mit Gehaltsangabe und einmal ohne, daneben die Bewerbungssignale. Klicks auf die Anzeige, Anzeige gespeichert und/oder abgeschickte Bewerbungen. Erst damit ließe sich zeigen, ob die Angabe die Performance einer Anzeige wirklich verbessert.

Über die Qualität der Bewerbungen sagt auch das dann allerdings nichts, die liegt im Auge des Recruiters. Ob Suchende auf eine konkrete Zahl anders reagieren, wäre damit aber beantwortet. Falls mir eine Jobbörse solche Daten liefert: her damit! Ich schreibe darüber.

Quelle: index Research, Exklusivauswertung für Online-Recruiting.net, Q2/2026.

Bei meinen Texten nutze ich KI für Recherche, grobe Auswertung und Rohfassung. Finale Redaktion, geprüfte Fakten-Checks, Analyse, Meinung und intensives KI-Bot-Sitting (seufz) mache ich selbst.

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